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Die Montessori-Pädagogik
Maria Montessori (1870-1952), die als erste Frau in Italien
Medizin studiert hatte, traf als Ärztin an einer psychiatrischen Klinik auf
apathische Kinder in Räumen ohne Betätigungsmöglichkeiten. Sie
befasste sich daraufhin mit der pädagogischen Förderung geistig behinderter
Kinder. Durch Einsatz didaktischen Materials hatte sie enorme Erfolge: Einzelne
Sonderschulkinder hielten bei öffentlichen Prüfungen mit normalen Kindern
mit. Grundlage ihrer Arbeit war die Einsicht, dass jedes Kind ein Grundbedürfnis
nach Aktivität und Selbsttätigkeit sowie nach einer anregenden Erfahrungsumwelt
hat. Diese Einsicht und ihre Erfahrungen führten
Montessori dazu, das damals übliche Erziehungssystem in Frage zu stellen.
Ab 1901 widmete sie sich allgemein der Erziehung von Kindern.
An Vorschulkindern machte sie dann eine besondere Beobachtung:
Ein Kind kann sehr konzentriert und ausdauernd einer Tätigkeit nachgehen,
gleichsam der Welt entrückt. Wenn es diese Konzentration
von sich aus beendet, ist es ausgeruht und freudig. Montessori nannte dies die
„Polarisation der Aufmerksamkeit“. Sie betrachtete diese Konzentrationsphasen
als grundlegend für die Entwicklung des Kindes und erforschte Voraussetzungen
für ihr Auftreten:
• die freie Wahl der Beschäftigung,
• das gleichzeitige Ansprechen von Körper und Geist,
• die Einbeziehung des Bewegungsbedürfnisses,
• eine „vorbereitete Umgebung“.
Eine weitere Erkenntnis erlangte Montessori durch die Beobachtung
der Kinder bei ihren selbstgewählten Beschäftigungen: In der Entwicklung
des Kindes gibt es „sensible Phasen“ besonderer
Lernfähigkeit und starker Interessen für bestimmte Bereiche.
Die Kinder erwerben dann bestimmte Fähigkeiten und erlernen Verhaltensweisen
unbewusst, ohne großen Aufwand an Willenskraft, Verstand und Anstrengung.
Montessori nannte diese Fähigkeit den „absorbierenden Geist“.
Für eine optimale Förderung der Entwicklung des Kindes müssen diese
Phasen berücksichtigt werden.
Das Erziehungsprinzip
der Montessori-Pädagogik fußt also in der Auffassung, dass das Kind
unabhängig von Alter und Begabung mit einem aktiven Geist ausgestattet und
auf Selbstverwirklichung und Selbstbildung angelegt ist. Aufgabe des Erziehers
ist es demnach nicht zu bilden, sondern die Selbstbildung zu ermöglichen.
Als Leitsatz gilt der Ausspruch eines Kindes:
„Hilf mir, es selbst zu tun“.
Die Montessori – Lehrkräfte
Die Lehrerinnen und Lehrer an Montessori-Schulen verstehen sich also vor allem
als Helfer, die das Bedürfnis der Kinder nach Selbständigkeit durch
intensives Beobachten und helfendes Eingreifen unterstützen. Die Lehrkraft
gibt Anregungen, indem sie Materialien anbietet und einführt. Sie fördert
soziales Verhalten. Nicht zuletzt ist sie natürlich Autorität, die den
Kindern Orientierung gibt. Montessori-Lehrkräfte absolvieren eine zusätzliche
zweijährige Ausbildung, um das Montessori-Diplom zu erwerben.
Die „vorbereitete Umgebung“
Der Klassenraum soll eine Umgebung sein, die der freien Entwicklung der Kinder
förderlich ist. Dazu gehören nach Montessori u.a.:
• Möglichkeiten zur Absonderung einzelner Kinder oder kleiner Gruppen,
• ästhetische Ausstattung,
• offene Regale mit den didaktischen Materialien.
Die Kinder sollen in einem natürlichen sozialen Gefüge lernen. Darum
forderte Montessori altersgemischte Gruppen.
Diese bereichern nicht nur den sozialen Umgang. Kleine Kinder lernen auch gut
von größeren Kindern und sehen, „wohin die Reise geht“.
Die Größeren wiederum vertiefen ihre Kenntnisse enorm, wenn sie Kleineren
etwas erklären. Wegen der großen Bandbreite in der Entwicklung lassen
sich leistungsschwache oder besonders begabte Kinder in einer altersgemischten
Klasse besser fördern, ohne die Klasse wechseln zu müssen.
Zur Arbeit in Montessori-Klassen gibt es ein spezielles System didaktischen Materials,
mit dessen Hilfe die Kinder Lerninhalte aktiv entdecken können.
Das Montessori-Material
Nach Montessori soll Arbeitsmaterial
• dem kindlichen Geist erreichbar sein, sich durch Einfachheit auszeichnen
und die Aufmerksamkeit fesseln,
• sich den Bedürfnissen des Kindes wie eine Leiter darbieten, die ihm
Stufe für Stufe bei seinem Aufstieg behilflich ist,
• jeweils ein Merkmal eines Lerngegenstandes isolieren, so dass sich das
Interesse des Kindes speziell darauf richten kann,
• die Fehlerkontrolle durch das Kind selbst ermöglichen,
• in seiner Menge begrenzt sein (was die Verschiedenheit der Materialien
und was die Anzahl jedes Einzelmaterials betrifft).
• Das konkrete Einzelmaterial soll sich als Teil eines umfassenden Ganzen
darstellen.
Für nähere Informationen sei auf die Literatur und die Informationsabende
des Montessori-Vereins verwiesen.
Die „Freiarbeit“
Die Selbstbildung des Kindes steht also im Vordergrund. Es soll ihm möglich
sein, seine Beschäftigung im Rahmen des Lehrplans frei zu wählen. Dies
schließt eine individuell bemessene Arbeitsdauer und die freie Wahl der
Arbeitspartner ein.
Dann muß die Planung des Unterrichts aber weniger in einem einheitlichen
Programm für die Klasse bestehen, sondern mehr in individuellen Zielvorgaben
für die einzelnen Kinder. Außerdem sollte es größere Zeitabschnitte
statt der üblichen Stundenfolge geben. Und es müssen im Unterricht Einzel-,
Partner- und Gruppenarbeit gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die offene Unterrichtsform,
die dies erfüllt, wird „Freiarbeit“ genannt. Sie bietet durch
den vielfältigen, natürlichen Umgang mit Mitschülern und Lehrern
fortwährend Gelegenheit zu sozialem Lernen. Sie führt durch die freie
Entscheidung zu einer von innen kommenden Disziplin. Einen Eindruck vermittelt
der Abschnitt über den Alltag in einer Montessori-Schule.
Literatur-Empfehlungen
B. Esser und Ch. Wilde:
Montessori-Schulen
(über Grundlagen und Praxis, Tb)
Maria Montessori:
Grundlagen meiner Pädagogik
(Aufsätze)
Ch. Fisgus und G. Kraft:
„Hilf mir, es selbst zu tun“ und
„Morgen wird es wieder schön“
(über Montessori-Materialien)
Ingrid Fähmel:
Zur Struktur schulischen Unterrichts nach Maria Montessori
(Studie über eine Montessori-Schule)
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